Maßnahmen in Burkina Faso 2021-09-01T22:04:14+02:00

Wie wir Lebenschancen in Burkina Faso schaffen

Geschichte von Olivia, eines von vielen Mädchen in Burkina Faso mit den gleichen Problemen

Olivia-Story Titelseite

Olivia hatte nach der Wundheilung der Beschneidung starke Verwachsungen mit Schmerzen. Davon wurde sie durch eine Re-Operation befreit. Ein Jahr später wurde sie mit nur 14 Jahren schwanger. Der Kindsvater hat die Vaterschaft geleugnet. Der eigene Vater hat Olivia daraufhin aus der Familie verstoßen. Sie ist dann zu einer der Aufklärerinnen geflüchtet. Diese hat eine Tante des Mädchens um dessen Aufnahme gebeten. Die Tante war dazu bereit, aber nur bis zur Geburt des Kindes. Danach hat die Aufklärerin mit den Eltern von Olivia gesprochen und dringend um ihre Aufnahme mit dem Enkel gebeten. Der Vater war einverstanden, hat sich aber geweigert, nochmals Schulkosten für seine Tochter zu zahlen, die gerne die Schule abschließen wollte. Möglich wurde ihr das nur durch Unterstützungen ihrer Mutter und von „Lebenschancen“. Auf der Basis ihrer schmerzlichen Erfahrungen hielt sie auch Aufklärungsvorträge in ihrer Schule und einigen Dörfern. (Foto: A.F.D., Burkina Faso)

Aufklärung zur Vermeidung früher und zu vieler Schwangerschaften

Aufklärungsmaßnahmen in diesen Bereichen sowie zur Prävention von HIV/Aids haben wir in Burkina Faso erstmals in den Jahren 2000/2001 in der Stadt Koupéla gefördert, und zwar speziell für Jugendliche und junge Erwachsene. Basis war der Bau eines „Jugendgesundheitszentrums“ mit der Ausbildung von Aufklärer/innen und der Bereitstellung von Verhütungsmitteln.  Dieses Zentrum bietet bis  heute entsprechende Dienste, die aber aus anderen Quellen finanziert werden.

2005-12 wurden Aufklärungsmaterialien für 40 Mittelschulen (7.-10. Klasse) im Westen des Landes und in der Hauptstadt Ouagadougou gekauft, außerdem ein Generator und ein Fernsehgerät für Filmvorführungen zur Aufklärung. Die Materialien behandeln auch andere Themen, die für die Jugendlichen wichtig sind, wie ein längerer Schulbesuch auch für Mädchen und die Entwicklung von beruflichen Zielen. Die Materialien, die 2003 mit Jugendlichen in Burkina Faso 2003 entwickelt wurden, finden Sie hier.

2013-2019 wurden Informationen über die Probleme früher und zu vieler Schwangerschaften und ihre Vermeidbarkeit in den 50 Dörfern im Nordwesten des Landes gefördert, in denen zugleich Maßnahmen zur Überwindung der Genitalverstümmelung von Mädchen durchgeführt wurden. Dabei wurden auch Schulen einbezogen und z.T. Schüler/innen für entsprechende Beratungen von Gleichaltrigen ausgebildet. Parallel dazu hat eine österreichische Hilfsorganisation den Frauen und ihren Familien geholfen, ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten und ihre Einkommen daraus zu verbessern.
Außerdem wurden in den letzten Jahren Beratungen einer Hebamme zur Verhütung außerhalb der meist überlasteten Gesundheitsstationen finanziert. Mehrere Frauen hatten schon sechs oder mehr Kinder, eine sogar zehn. Diese Projekte konnten wegen Überfällen durch islamisti- sche Terroristen und eine weiterhin hohe Bedrohungslage in der Region leider nicht fortgesetzt werden.

Schüler/innen einer Mittelschule in der Haupstadt bestaunen die gerade eingetroffenen Aufklärungsmaterialien.
(Foto: AMPO, Burkina Faso)
Eine „Marie Stopes Lady“ mit einer Packung erwünschter Verhütungsmittel auf dem Weg in entlegene Dörfer im Südwesten von Burkina Faso
(Foto: MSI Reproductive Choices/Sophia Garcia)

2020 haben wir einen mobilen Dienst von “Marie Stopes International” unterstützt (s. vorhergehendes Foto). Dadurch konnten – trotz zeitweiliger Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie – fast 700 Frauen und Männer in mehreren entlegenen Dörfern die erwünschten, oft länger wirksamen Verhütungsmittel erhalten, zu denen sie dort keinen Zugang haben. 240 Frauen haben eine Dreimonatsspritze bekommen, davon die Hälfte zum wiederholten Mal. 290 Frauen hatten sich für die mehrere Jahre wirksamen Implantate unter die Haut entschieden, der Rest für sonstige Methoden. Einige Männer erhielten auf diesem Wege Kondome.

Diese Dienste gibt es nur in entlegenen Dörfern einiger Regionen. Ansonsten sollten Verhütungsmittel für Frauen in den Gesundheits-  stationen erhältlich sein. Dabei gibt es jedoch oft Unterbrechungen. Auch gibt es in den vielen kleineren Dörfern keine Gesundheitsstationen, und die nächsten können meistens nur zu Fuß über mehrere Kilometer Entfernung erreicht werden. Oder es gibt stundenlange Wartezeiten für Beratungen, die sich die Frauen mit mehreren Kindern, Haushalt und Arbeiten in der Landwirtschaft kaum leisten können. Viele Frauen klagen auch, dass man dort nicht die Zeit habe, ihre Fragen und Bedenken zu den Verhütungsmitteln zu klären. Es gibt fast überall Gerüchte, dass die Mittel zu Unfruchtbarkeit oder schweren Gesundheitsschäden führen.

Um so wichtiger sind die Vorträge und Gesprächskreise der Projekte von “Lebenschancen International” sowie anderer Organisationen, bei denen die Menschen korrekt informiert werden und ihre Fragen klären können. Solche Angebote gibt es aber in vielen Regionen des Landes nicht. Auch gibt es noch einiges zu tun, damit alle, die eine Schwangerschaft verhüten möchten, Zugang zu den Mitteln haben. Früher haben viele Frauen über die Kosten der Mittel geklagt, die stark subventioniert und den niedrigen Einkommen einigermaßen angepasst waren. Seit Juli 2020 werden die Mittel in den Gesundheitsstationen kostenlos abgegeben, so dass die Kosten kein Hinderungsgrund mehr für eine fehlende Verhütung sein können.

2021 wurden Aufklärungsprojekte in Dörfern und Schulen im Südwesten und im Zentrum des Landes begonnen. Parallel zu den Projekten im Südwesten werden Kleinkredite für die Verbesserung der landwirtschaftlichen Aktivitäten u.a. von Frauen sowie die Bohrung von Tief- brunnen für sauberes Wasser von anderen Gebern finanziert.

Erläuterung der Verwendung des Kondoms für Frauen in einem der neuen Projektdörfer
(Fotos: AHK, Burkina Faso)
Schulung von Männern eines anderen neuen Dorfes, die in ihrem Umfeld über die Vorteile und Möglichkeiten der Familienplanung und die Erhält- lichkeit der Mittel informieren wollen.

Näheres zu den Ergebnissen, Kosten und Spendenmöglichkeiten für Aufklärungsmaßnahmen zur Verhütung hier.
Falls Sie gleich für die Minderung der hohen Geburtenzahlen in Burkina Faso spenden wollen, kommen Sie hier zum Spendenkonto. Bei der Überweisung bitte angeben: BF

Überwindung der Genitalverstümmelung von Mädchen

In Burkina Faso wurden früher ca. 70 % der Mädchen an ihren äußeren Geschlechtsorganen beschnitten, d.h. die Klitoris und die kleinen Schamlippen entfernt und das mit Rasierklingen, Messern oder Glasscherben ohne Betäubung. Die Aktion führt bei den meisten Mädchen zu einer Traumatisierung und bei vielen zu Verwachsungen, Narbenwucherungen, Unterleibsschmerzen – später auch beim Geschlechts- verkehr – oder zu Frigidität und manchmal zum Tod durch Verbluten oder infolge von Infektionen.

Diese Genitalverstümmelung der Mädchen ist in Burkina Faso seit 1996 gesetzlich verboten. Dank einiger intensiver Projekte sind inzwischen weitaus weniger Mädchen davon betroffen. Insbesondere in den Dörfern, die keine intensiven Überzeugungsmaßnahmen zur Unterlassung des Eingriffs hatten,  wird dieser aber noch vielfach durchgeführt. Das wird damit begründet, dass die Tradition dies verlange oder die Mädchen „anständige Frauen werden sollen”. Und wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter.

In den meisten Projekten von Lebenschancen International in Burkina Faso wird auch über die Unzulässigkeit und die oft gravierenden Folgen des Eingriffs informiert. In den Jahren 2010-19 wurden intensive Informationsmaßnahmen mit Hausbesuchen, Gesprächskreisen und viel Einsatz von Bildmaterial zur Überwindung der Praktik in Dörfern im Nordwesten des Landes gefördert. Diese Projekte wurden gemeinsam mit dem Deutschen Frauenring finanziert und betreut. Bis Ende 2016 konnten wir dort – nach allem möglichen Wissen – 35 Dörfer von der Plage befreien.

2017-19 wurden solche Maßnahmen in 15 Dörfern eines benachbarten Bezirks gefördert, wo es zunächst manchmal auch Widerstände gegen diese Informationen gab. Am Schluss konnte mit den Autoritäten dieser Dörfer aber ein öffentliches Abschwören von der Praktik für 2020 geplant werden. Mit einem solchen öffentlichen Abschwören wurden bereits die Maßnahmen in den früher berücksichtigten Dörfern abgeschlossen. Dann gab es in der Projektregion jedoch Anschläge von islamistischen Terroristen, und es gibt weiterhin eine hohe Bedrohungslage. Die Aktivitäten konnten daher nicht fortgesetzt werden.

2021 soll aber in einer anderen Region über die gravierenden Folgen der Mädchenbeschneidung und die Notwendigkeit, diese zu unterlassen, informiert werden.

Unsere Methoden intensiver Überzeugungsarbeit

  • Gespräche mit dem Dorfchef als Hüter der Werte, Normen und Sitten im Dorf
  • Gespräche mit bisherigen Beschneiderinnen über die Illegalität, oft gravierenden Folgen und Nicht-Notwendigkeit der Genitalverstümmelung, um die Treue der Frauen zu sichern und Totgeburten zu vermeiden
  • Einsatz von speziell für diese sensiblen Themen ausgebildeten Aufklärer/innen
  • Informationsmaßnahmen: Vorträge – auch in den Schulen, Gesprächskreise und Kurse mittels Bildmaterialien sowie Abgabe von Informationsmaterial an diejenigen, die lesen können
  • Vorführung von Sketchen oder kleinen Theaterstücken, bei denen die Zuschauer/innen einbezogen werden und Fragen stellen können
  • Gründung von „Frauen-Wissensclubs“ als Wächterinnen, dass der Eingriff nicht noch heimlich durchgeführt wird.

Sketche und Forum-Theateraufführungen mit anschließenden Diskussionen sind in Westafrika ein wichtiges Medium, um viele Menschen zu erreichen, weil die meisten ja nicht lesen und schreiben können und kein Fernsehgerät haben.

Näheres zu den Ergebnissen und Kosten zur Überwindung der Genitalverstümmelung von Mädchen hier.

Aufklärung über die gravierenden Folgen der Mädchenbeschneidung mittels Bildmaterialien. Dafür werden zum Teil gezielt Männer eingesetzt, damit die Frauen sehen, dass auch Männer gegen diesen Eingriff sind und dass man mit ihnen über die Probleme sprechen kann. (Foto: D. Grünholz)
Eine ehemalige Beschneiderin (2. von rechts) engagiert sich nun bei den Informationen zur Unterlassung des Eingriffs. Sie zeigt ein Bild von großen Narbenwucherungen, die sich oft infolge des Eingriffs bilden. Ganz rechts die begleitende Sozialpädagogin des Projekts. (Foto: A.F.D., Burkina Faso)